Wieso Antidepressiva nicht wirken

Wieso Antidepressiva nicht wirken

February  22nd

In Deutschland leiden etwa 4 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Etwa 15%, also etwa jeder Sechste der Menschen mit schweren, wiederkehrenden Depressionen nimmt sich das Leben. Etwa die Hälfte aller depressiv Erkrankten begeht einen Suizidversuch. Suizid ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache.

Die Zahlen sind erschreckend. Da stellt sich die Frage: Wie sollte man diese Menschen behandeln und wie effektiv ist die jetzige Behandlung eigentlich? Die Behandlung erfolgt für gewöhnlich durch Psychologen und Psychiater. Während Psychiater die Medikamente verschreiben und aus Zeitgründen meistens keine ausführlichen Gespräche mit ihren Patienten führen können, übernehmen Psychologen die Rolle des Therapeuten. Während ein Patient schnell einen Termin bei einem Psychiater erhalten kann, sind die Wartezeiten für eine Therapie meistens sehr lang. Deshalb haben Patienten die Möglichkeit, eine private Therapie zu machen. Die Kosten müssen von der Krankenkasse übernommen werden. Falls sie eine Therapie machen möchten, aber durch die langen Wartezeiten abgeschreckt wurden, rate ich Ihnen, einen privaten Psychotherapeuten aufzusuchen. Dieser wird Ihnen wahrscheinlich auch einen vertrauten Psychiater empfehlen, bei dem Sie die Notwendigkeitsbescheinigung und den Konsiliarbericht erhalten, die für die Kostenerstattung notwendig sind. Beachten Sie, dass Sie für eine Therapie zwangsläufig eine Diagnose nach ICD-10 erhalten müssen.

Ich werde mich in diesem Artikel nicht auf die Effektivität von Gesprächstherapien beziehen, sondern mich ausschließlich auf die medikamentöse Behandlung konzentrieren. Durch die Wartezeiten ist es üblich, dass Menschen ohne Therapieplatz Pillen schlucken. Die Frage, die ich in diesem Artikel klären möchte, ist, ob diese Medikamente überhaupt wirken? Ich nehme hier schon mal mein Fazit vorweg: Nein, sie wirken nicht und sind potenziell gefährlich. Und ich habe auch Fakten, um diese Behauptung zu untermauern.

Defizite der Studien

In einer großen Meta-Analyse der FDA (US Food and Drug Administration) mit etwa 100.000 Patienten, in denen etwa die Hälfte depressiv war, wurde festgestellt, dass etwa 10% mehr auf Antidepressiva reagierten im Vergleich zum Placebo. In einem so genannten Cochrane Review wurde Ähnliches beobachtet. Die Cochrane Collaboration ist eine neutrale und hochanerkannte Organisation, die Meta-Analysen im Bereich der Medizin durchführt.

Peter Gøtzsche aus Dänemark, der eben dieser Organisation angehört, hält die Ergebnisse für übertrieben. Zunächst einmal wissen die meisten Leute, ob Sie in der Medikamenten- oder in der Placebo-Gruppe sind. Stellen Sie sich vor, Sie haben in den ersten Tagen, in dem Sie die Ihnen verschriebene Pille nehmen, Magenkrämpfe, Kopfschmerzen, Übelkeit und Schlaflosigkeit? Denken Sie, dass in der Situation noch davon ausgehen würden, in der Placebo-Gruppe zu sein? Somit sind die Studien zu Antidepressiva keine echten „blinden“ Studien. Eine Meta-Analyse von über 21 Studien bestätigt die Tendenz der Überbewertung der Medikamente.

Weiterhin gibt es mehrere „Tricks“ im Bereich von Depressionsstudien. Die meisten denken wahrscheinlich, dass man die Patienten fragt, wie sich fühlen, wie z.B. mit folgender Frage: „Wie fühlen Sie sich auf einer Skala von 1 bis 10?“ So gehen diese Studien selten vor. Meistens wird der Patient in einer Art „Interview“ befragt und die, die ihn befragen, „benoten“ den Patienten. Diese Benotung erfolgt nicht nur nach dem, was der Patient sagt, sondern auch, wie er sich verhält. So kann Gestik und Mimik mit in die Bewertung einfließen. Weiterhin werden bestimmte Faktoren stärker bewertet: Die meist verwendete Depressionsskala, die Hamilton-Skala, bewertet z.B. auch Schlafstörungen in erheblichem Maße. So kann ein Medikament, das nichts für ihre Depression tut, wie ein Schlafmedikament, trotzdem gute Ergebnisse erzielen.

Das ist aber noch längst nicht alles: Depressionsstudien nutzen häufig mehrere Evaluationssysteme. Wieso? Wenn eines von beispielsweise 4 Bewertungssystemen ein statistisch signifikantes Ergebnis zeigt, kann das Medikament als „Erfolg“ gefeiert werden.

Ergebnisse einer echten Doppelblindstudie

Wenn man die Befangenheit bei den Studien sowie den Mangel der „Verblindung“ mit einbezieht, sind Antidepressiva gegenüber Placebos wirkungslos. Die Studien haben zudem, unabhängig von dem Ergebnis, keine Aussagekraft mehr. Was kann man tun, um die Studien zu „korrigieren“? Ganz einfach: Man nutzt keine Zuckerpillen als Placebos, sondern ein anderes Medikament mit ähnlichen Nebenwirkungen wie das Antidepressivum. Diese nennt man auch “aktive Placebos” und gehören mit zu den besten Studien, da sie die Wahrscheinlichkeit verringern, dass der Proband weiß, zu welcher Gruppe er gehört, was wiederum den Placebo-Effekt beeinflusst: Wenn jemand sich ziemlich sicher ist, dass er das echte Medikament erhält, hat er einen verstärkten Placebo-Effekt und analog hat der, der sich sicher ist, dass er ein Placebo erhält, einen abgeschwächten Placebo-Effekt. In einer Studie zu trizyklischen Antidepressiva gab man den Patienten Atropin als (aktives) Placebo, was zur Mundtrockenheit führt. Und, Überraschung: Es gab keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Antidepressivum und Placebo.

Hohe Rate an Nebenwirkungen

Weiterhin hört etwa die Hälfte aller Patienten in Studien zu SSRIs (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) auf, das Medikament bzw. das Placebo zu nehmen. Das heißt, dass die Patienten das Medikament für wirkungslos befinden. Zudem gibt es keine Studien, die feststellen, wie erfolgreich die vermeintlichen Wundermedikamente sein sollen. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein SSRI einen Depressiven dazu treibt, wieder zu arbeiten? Wer weiß…

Etwa Zweidrittel aller Patienten, die SSRIs nehmen, berichten von sexuellen Problemen. Dazu kommt, dass die Medikamente im wahrsten Sinne des Wortes abhängig machen: Die Hälfte aller Patienten hat Probleme, das Medikament wieder abzusetzen und berichtet von Nebenwirkungen.

Erhöhte Suizidrate

Würden Antidepressiva nun vor Suizid schützen und die Suizidrate verringern, hätten die Befürworter ein starkes Argument auf ihrer Seite. Aber auch das ist nicht der Fall: Insgesamt bringen sich 6 von 1000 Menschen mehr um, die SSRIs nehmen im Vergleich zu Placebo. Antidepressiva sind zudem assoziiert mit Mord und Totschlag.

Ältere und Jüngere sind gefährdet

Ältere Menschen stürzen häufiger, wenn sie SSRIs nehmen. Bei 28 älteren Patienten, die ein SSRI nehmen, stirbt innerhalb eines Jahres eine Person mehr im Vergleich zu denen, die keine Behandlung erhalten haben. Bei jungen Menschen erhöhen SSRIs die Wahrscheinlichkeit, an einer bipolaren Störung zu erkranken. Der starke Anstieg dieser Erkrankung kann der massiven Antidepressiva-Behandlung zugeordnet werden.

Die erhöhte Suizidrate durch Antidepressiva bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 25 wird mittlerweile offiziell anerkannt. In den USA muss auf dem Beipackzettel eine so genannte “Black Box Warnung” vorhanden sein. Das heißt, dass die Warnung besonders hervorgehoben werden muss. Das ist natürlich kein Grund, sie nicht mehr an eben diese Gruppen zu verschreiben. Stattdessen gibt es bei einigen Psychiatern einen Aufschrei, dass diese vorgeschriebene Warnung zur Folge hätte, dass sie seltener verschrieben werden. Und das wäre ja ein Grauen. Dann würden sich ja nicht so viele Jugendliche umbringen wie vorher. Absurd. Folgendes Zitat eines solchen Vertreters ist pures Gold:

[…] Es ist sehr wichtig, dass Ärzte, die viele depressive Patienten sehen und behandeln, wissen, dass das Risiko einer unbehandelten Depression – in Bezug auf Morbidität und Mortalität – schon immer größer war, als das geringe Risiko, das mit Antidepressiva assoziiert ist. Wir müssen unsere Ärzte besser ausbilden, so dass sie verstehen, dass, obwohl sie dieses geringe Risiko nicht ignorieren können, sie sicher damit umgehen können, indem sie ihre Patienten näher beobachten, insbesondere Kinder und Jugendliche während einer Pharmakotherapie. (meine Übersetzung)

Antidepressiva erhöhen die Suizidrate konstant, aber insbesondere bei jungen Menschen, und auch die Morbidität (siehe unten). Stattdessen rät dieser tolle Mensch dazu, dass der behandelnde Arzt, der seine Patienten für gewöhnlich maximal einmal im Monat sieht und vielleicht ein 5- bis 20-minütiges Gespräch mit ihnen hält, diese im Auge zu behalten. Wow. Der Psychiater kann also die deutlich erhöhte Suizidrate durch die Verschreibung eines Medikamentes mit 10 Minuten in einem Monat verhindern? Die Superkräfte muss man erst einmal haben. Dieser schwachsinnige Ratschlag wird den Müttern und Vätern kein Trost sein, die ihre Kinder durch diese Medikamente verloren haben.

Entzugsstudien zur Ergebnisverschönerung

In einer groß angelegten Studie wurden SSRIs bei leichter bis mittelschwerer Depression für wirkungslos befunden und aufgrund der oben genannten Gründe ist zu bezweifeln, dass sie bei schwerer Depression wirken. Studien, die Patienten nach einer Behandlung entweder mit Placebo behandeln oder weiterhin mit dem jeweiligen Antidepressivum sind wirkungslos, da die Entzugssymptome des Medikaments der Placebo-Gruppe angerechnet werden. Dazu kann auch Depression selbst gehören. Somit schneidet das Medikament automatisch besser als das Placebo. Und schon wird geschlussfolgert, dass Menschen diese Medikamente am besten so lange nehmen, bis sie sterben.

Die Kritiker dieser hier präsentierten Argumente erhalten häufig hohe Summen von der Pharmaindustrie. Das klingt ein bisschen nach Verschwörungstheorie, ist allerdings Fakt. Die Leute, die die Kritik von SSRIs beispielsweise zurückweisen, lehnen zum Beispiel auch häufig Psychotherapie als Behandlung ab. Am besten, Sie schlucken tagein tagaus Medikamente…

Chronifizierung und höhere Rückfallquoten

Antidepressiva führen zu erhöhten Suizidraten – soweit so schlecht. Das müsste dann ja auch heißen, dass Menschen mit Antidepressiva tendenziell länger und häufiger krank sind, oder? Und genau das ist auch der Fall.

Depression galt in der Vergangenheit als eine Erkrankung mit einer hohen Heilungsquote. Unbehandelt wurden die meisten wieder von selbst gesund. Die Einnahme von Antidepressiva erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls. Es chronifiziert die Erkrankung.

Während in diesem Bereich schon seit 1970, hauptsächlich zu den Trizyklika, geforscht wird, schauen wir uns stattdessen die neueren Studien ab 1990 an. Hier ist der Italiener Giovanna Fava Vorreiter. In dieser, dieser, dieser und dieser Studie stellte Fava fest, dass die Behandlung mit Antidepressiva die Wahrscheinlichkeit, dass man dauerhaft krank wird, erhöht. Zusammengefasst stellte er fest, dass…

  • es Zeit wird zu untersuchen, wie wahrscheinlich es ist, dass die Behandlung den Verlauf verschlimmert.
  • das Gehirn sich der verursachten Störung der Neurotransmitteraktivität durch das Medikament anpasst und versucht zu kompensieren. Das Gehirn kann bei Absetzen des Medikamentes nicht sofort wieder “umschalten”, was zu Entzugserscheinungen und einer möglichen höheren Rückfallquote führt.
  • Medikamente eine biochemische Vulnerabilität erzeugen und den Krankheitsverlauf verschlechtern.

Instinktiv könnte man ja jetzt fragen: Wer ist dieser Fava? Vielleicht hat der ja keine Ahnung? Aber Fava steht nicht allein da: Baldessarini, ein Harvard Professor, hält Favas Sorgen für berechtigt. Ein weiterer Wissenschaftler, El-Mallakh, geht sogar davon aus, dass die Adaption des Gehirns bei langfristiger Antidepressivaeinnahme sich selbst nach dem Absetzen des Medikamentes vielleicht nie vollständig zurückbildet.

Ist keine Behandlung die bessere Wahl?

Depressive, die nicht mit Medikamenten behandelt wurden, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, wieder gesund zu werden. In einer britischen Studie verbesserten sich die Symptome der Nicht-Behandelten um 62%, bei den mit Medikamenten Behandelten hingegen nur um 33%. In einer kanadischen Studie mit 9508 Teilnehmer waren die Nicht-Behandelten etwa 11 Wochen im Jahr depressiv gegenüber 19 Wochen bei den Behandelten. Die Autoren bestätigten Favas Hypothese. Eine Studie der WHO stellte fest, dass Depressive, die Psychopharmaka nicht ausgesetzt waren, insgesamt gesünder und weniger depressiv waren. Eine Studie des NIMH (National Institute of Health) von 2006 stellte fest, dass es fast unmöglich ist, eine effektive Intervention zu finden, weil die natürliche Heilungsquote so hoch ist.

Die Serotonin-Hypothese ist widerlegt

SSRIs werden damit beworben, dass sie die Menge an Serotonin im Gehirn erhöhen und natürlich weiß ja jeder, dass Serotonin das “Glückshormon” ist. Was kaum einer weiß: Die Serotonin-Hypothese gilt als widerlegt – und zwar auch innerhalb der Psychiatrie. Es gibt also viele Psychiater, die SSRIs für gute Medikamente halten, aber die Serotonin-Hypothese ablehnen.

[…] es ist ebenso wichtig zu schauen, was nicht in der wissenschaftlichen Literatur berichtet wird. Nach unserem Wissen gibt es keinen einzigen durch Fachleuten überprüften (peer-reviewed) Artikel, der die Behauptungen eines Serotonin-Mangels bei irgendeiner psychischen Erkrankung unterstützt, während es viele gibt, die diese These widerlegen. (Meine Übersetzung)

Sie versuchen ihren Gebrauch von SSRIs anders zu rechtfertigen. Das geht ganz einfach: Man untersuche einfach alles an einem Menschen, der die Medikamente nimmt und pickt sich das heraus, was toll klingt wie “Neurogenese”. Dass dieses Vorgehen nicht wissenschaftlich ist und die Medikamente keinen gezielten Wirkmechanismus haben, scheint dabei in den Hintergrund zu rücken.

Fazit

Wie Sie sich denken können, habe ich hier gerade mal an der Oberfläche gekratzt. Fluoxetin, das erste SSRI, konnte nur durch Bestechung, Manipulation und das Bewerben der “Depression” mithilfe von 8 Millionen Broschüren, vom Hersteller Eli Lilly gedruckt, so beliebt werden.

Ich denke, ich habe hier zahlreiche Argumente gegeben, die diese ganze Medikamentenklasse diskreditieren. Im Vergleich zu Antipsychotika sind Antidepressiva aber Smarties. Es geht also noch schlimmer.

Was soll man aber nun tun, wenn man depressiv ist? Aus Verzweiflung einfach irgendeine Pille schlucken ist auf jeden Fall nicht die Lösung. Nur das tun eben viele, auch wenn sie diese Medikamente zu Recht kritisch sehen.

Die Antwort dazu ist leider sehr schwer. Die meisten alternativen Pillen bringen vermutlich auch nicht besonders viel. Ich werde in der Zukunft noch mal einen Artikel über alternative Behandlungen schreiben. Das würde hier den Rahmen sprengen.

Ein gutes englisches Buch ist The Depression Cure: The 6-Step Program to Beat Depression Without Drugs. Das muss man sich aber nicht unbedingt kaufen. Es gibt dazu auch ein etwa 20-minütiges Youtube-Video:

In diesem Programm werden Fischöl mit einem hohen Anteil an EPA, Sport, Vermeiden von Einsamkeit etc. angepriesen. EPA bei Fischöl könnte eine Wirksamkeit bei Depression haben (Studien dazu sind eigentlich relativ viel versprechend), aber auch wenn es nur ein Placebo-Effekt ist: Es wird keine Nebenwirkungen haben. Sie machen damit zumindest nichts kaputt. Alle anderen Ratschläge zielen darauf ab, die Lebensumstände zu ändern.

Wie gesagt werde ich eine alternativ-medikamentöse Therapie hier noch nicht besprechen. Ich kann Ihnen aber schon sagen, dass so ziemlich alles nicht gut belegt ist und man sehr experimentierfreudig sein muss, wenn man sich darauf einlässt.

Wie auch immer es Ihnen geht, wenn Sie den Artikel lesen: Kopf hoch!

Antidepressant
“Antidepressant” by Pasji horizont
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