Schwangerschaft und Bluthochdruck

Schwangerschaft und Bluthochdruck


Die Schwangerschaft ist eine außergewöhnliche Zeit, denn nicht nur die körperlichen Verän-derungen der Frau kündigen eine neue Wende im Leben der werdenden Eltern an, sondern man beginnt die Sinnhaftigkeit des Lebens auf eine der ursprünglichsten Weisen zu erfahren, die vorstellbar sind.

Verläuft die Schwangerschaft unauffällig/normal/ohne Probleme, wird diese Erfahrung von einem starken positiven Urvertrauen getragen. Was geschieht aber, wenn die empfohlenen Untersuchungen zur Schwangerschaftsvorsorge einen auffälligen Befund ergeben, der die werdenden Eltern erheblich verunsichert?

Hier machen sich schnell Ängste breit, die - unserer Erfahrung nach - meist im Rahmen eines Beratungsgesprächs gelindert oder sogar ausgeräumt werden können. Im Gespräch möchten wir Ihnen die erhobenen Befunde und Diagnosen begreifbar machen und gemeinsam mit Ihnen einen Behandlungsweg festlegen, der die Risiken für Mutter und Kind auf ein Minimum reduziert. Ganz nach dem Grundsatz, der von uns praktizierten Schwangerenbetreuung und Geburtshilfe: „Sicherheit und Geborgenheit von Anfang an“.

Dieses Informationsportal soll Sie einerseits über Bluthochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft informieren, zu denen unter anderem die »Gestose« zählt. Es soll ihnen aber auch die Möglichkeit geben, ohne größere Umstände, Kontakt mit einer der größten Mutter-Kind-Zentren Deutschlands aufzunehmen, wenn ein Befund Sie im Rahmen Ihrer Schwangerschaft verunsichert hat.


Vielfalt der Begriffe

Die Ursachen und Verläufe der Bluthochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft sind kompliziert. Viele Wissenschaftler und Mediziner haben sich intensiv mit diesen Erkrankun-gen beschäftigt und neue Erkenntnisse gewonnen. Das hat aber im Laufe der Jahre zu einer Vielfalt von Begriffen geführt, die für alle Betroffenen äußerst verwirrend ist. Daher wollen wir zunächst einmal klären, welche Begriffe heute benutzt werden.

Wenngleich im Wort »Gestose« das lateinische »gestatio« (= Schwangerschaft) darauf hin-weist, dass es sich um eine Erkrankung in der Schwangerschaft handelt, ist die Bezeichnung »Gestose« für Bluthochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft zu ungenau. Der Begriff »Gestose« wird heutzutage nur noch benutzt, um durch die Schwangerschaft ausgelöste Erkrankungen einzuteilen. So werden Beschwerden wie vermehrter Speichelfluss (Ptyalis-mus gravidarum) meist im 2.-4. Schwangerschaftsmonat, häufiges und nicht stillbares Erbre-chen im 1. Schwangerschaftsdrittel (Hyperemesis gravidarum) oder Sodbrennen unter »Frühgestose« zusammengefasst.

Davon abgegrenzt werden die so genannten »Spät-gestosen«, mit der die eigentlichen Bluthochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft gemeint sind. Das hindert jedoch den Volksmund nicht daran, weiterhin am Begriff »Gestose« für Bluthochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft festzuhalten. Und wenn wir ehrlich sind, so wird auch der eine oder andere Mediziner dieses Wort weiter verwenden. Auch die Begriffe »EPH-Gestose« oder

»Schwangerschaftsvergiftung« werden heutzutage nicht mehr benutzt. Sie sind zwar historisch erklärbar, aber wegen neuer Erkenntnisse nicht mehr kor-rekt.

Die heute gültige Einteilung der Bluthochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft haben wir nachstehend aufgeführt. Keine Angst, alle Begriffe werden auf den folgen Seiten erklärt.

1. Schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck

- Gestationshypertonie oder schwangerschaftsinduzierte Hypertonie (SIH)

- Präeklampsie (mit Sonderformen Eklampsie und HELLP-Syndrom)

- Propfpräeklampsie

2. Schwangerschaftsunabhängiger Bluthochdruck

- Primäre (essentielle) Hypertonie

- Sekundäre Hypertonie


Was ist Bluthochdruck?

In Deutschland ist bei etwa 15 Millionen Menschen der Blutdruck zu hoch. Außerhalb der Schwangerschaft ist ein erhöhter Blutdruck keine akute Erkrankung wie eine Blinddarment-zündung, sondern ist meistens chronisch und ist in den meisten Fällen nicht heilbar.

Wir sprechen von einem Bluthochdruck, wenn ein Grenzwert von 140mmHg für den oberen Wert und/oder 90 für den unteren Wert (systolischer und diastolischer Wert) überschritten wird. Ein Bluthochdruck verursacht im allgemeinen keine Beschwerden und stellt typischerweise keine akute Bedrohung dar. Allerdings sind die Organe wie Herz, Nieren und Blutgefäße nicht darauf eingerichtet, über Jahrzehnte mit einem hohen Blutdruck zurecht zu kommen.

Um eine chronische Überlastung der Organe durch den hohen Blutdruck zu verhindern, soll-te ein Bluthochdruck behandelt werden. In den meisten Fällen werden blutdrucksenkende Medikamente (Antihypertensiva) verordnet.

Definition Blutdruck
Der Blutdruck ist der in den Blutgefäßen des Körper- und Lungenkreislaufs herrschende Druck, der mit einem Blutdruckmessgerät gemessen werden kann. Dabei ist der systolische Druck (erster und höherer Wert) der Druck, mit dem das Herz das Blut in den Körper pumpt und der diastolische Druck (zweiter und niedrigerer Wert) der Druck, mit dem das Blut zum Herzen zurückströmt und das Herz füllt. Ein normaler Blutdruck liegt beispielsweise bei 120/80 mm Hg (sprich 120 zu 80 Millimeter Quecksilbersäule).

In der Schwangerschaft ist das grundsätzlich anders, denn eine Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft schädigt innerhalb kurzer Zeit nicht nur die Organe der Mutter sondern es sind auch erhebliche Gefahren für das ungeborene Kind zu erwarten. Oft entwickeln sich die Symptome in extrem kurzer Zeit.

Nicht nur in besonders schweren Fällen wie dem HELLP-Syndrom oder einer Eklampsie besteht Lebensgefahr für Mutter und Kind. Auch bei weniger schweren Verläufen kann die Versorgung des Kindes mit Nährstoffen derart gestört sein, dass es im Wachstum zurück bleibt.

Nicht selten zwingen die Auswirkungen der Erkrankungen, das Kind vorzeitig, meist mit einem Kaiserschnitt zu entbinden. Das bedeutete, das Kind kommt als Frühgeburt mit all den damit verbundenen Risiken zur Welt. Dazu aber später mehr.

Definition „Bluthochdruckerkrankung
in der Schwangerschaft“

Eine Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft liegt vor, wenn bei einer Schwangeren in oder nach der 20. Schwangerschaftswoche der diastolische Blutdruckwert (zweiter Wert) einmal gemessen höher als 110mmHg oder zweimal im Abstand von vier bis sechs Stunden gemessen ≥90mmHg ist.


Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft


Wie zuvor bereits angeklungen, müssen wir Bluthochdruckerkrankungen, die bereits vor der Schwangerschaft bestanden haben, von denen, die erst während der Schwangerschaft, und zwar nach der 20. Schwangerschaftswoche, entstehen, unterscheiden.

Das heißt jedoch leider nicht, dass wir uns bei vorbestehendem Bluthochdruck in der Schwangerschaft keine Sorgen mehr machen müssen, denn auch in diesem Fall ist das Risiko weiterer Komplikati-onen groß. Wohlgemerkt das Risiko, denn es muss nicht unbedingt zu Komplikationen kom-men. Allerdings ist der Übergang von der einen zur anderen Form der Bluthochdruckerkrankung oft fließend, so dass eine engmaschige Überwachung der betroffenen Frauen dringend erforderlich ist.

Über den Unterschied zwischen einem Risiko und einem Problem

Um Ihnen den Unterschied zwischen Risiko und Problem deutlich zu machen, hier ein einfaches Bei-spiel: Wenn Sie mit dem Auto mit 180 über die Autobahn fahren, gehen Sie ein Risiko ein. Wenn dann auch noch die Bremsen versagen, haben Sie ein Problem.

Primäre und sekundäre Hypertonie

Wir unterscheiden einen schwangerschaftsbedingten von einem schwangerschaftsunabhängigen Bluthochdruck. Zur letzten Gruppe gehört die primäre und sekundäre Bluthochdruckerkrankung (primäre und sekundäre Hypertonie).

Zirka 1-5% aller Schwangeren leiden bereits vor der Schwangerschaft an einem erhöhten Blutdruck oder entwickeln diesen in der ersten Hälfte der Schwangerschaft. Trotz modernster diagnostischer Verfahren und intensiver Suche kann in den meisten Fällen (90-95%) keine körperliche Ursache für diese Fehlregulation im Körper gefunden werden. Man spricht in der Fachwelt von einer primären oder essentiellen Hypertonie.

Bei 5-10% der Bluthochdruckpatienten kann eine organische Ursache bestimmt werden, wie beispielsweise eine Nierenerkrankung. Dieses nennt man dann eine sekundäre Hypertonie. Die Diagnose einer primären Hypertonie setzt voraus, dass durch eine ausführliche Untersuchung alle bekannten Ursachen einer sekundären Hypertonie ausgeschlossen wurden.

Gestationshypertonie

Zur Gruppe der schwangerschaftsbedingten Bluthochdruckerkrankungen gehören Prä-eklampsie (Sonderformen: HELLP-Syndrom, Eklampsie), Pfropfpräeklampsie und Gestationshypertonie, die auch Schwangerschaftsinduzierte Hypertonie genannt wird.

Ist der Blutdruck ab der 20. Schwangerschaftswoche in den bei der Schwangerenvorsorge durchgeführten Kontrollen plötzlich höher als 140/90mmHg kann eine Gestationshypertonie vorliegen. Sie sollten für eine genauere Diagnose zu Ihrer Frauenärztin/Ihrem Frauenarzt gehen, falls die Werte nicht bereits von Ihr/Ihm gemessen wurden. Eine isolierte /einmalige leichte Erhöhung des Blutdrucks in der Schwangerschaft muss nicht sofort medikamentös behandelt werden und erfordert in der Regel auch nicht gleich eine Einweisung ins Kranken-haus. Es sind jedoch engmaschigere Kontrollen von Mutter und Kind notwendig, um Gefah-ren frühzeitig zu erkennen. Dabei werden vor allem das Wachstum des Kindes und die Durchblutung der Gebärmutter überwacht.

Der schwangerschaftsbedingte Bluthochdruck bildet sich innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt wieder zurück. Nicht selten entwickeln Patientinnen, die in der Schwangerschaft Bluthochdruckprobleme hatten, später einen primären Bluthochdruck, so dass lebenslang jährliche Kontrollen beim Hausarzt nötig sind. Oder Sie nutzen ein Sonderangebot bei einem Discounter und schaffen sich ein Blutdruckmessgerät an, um zuhause selbst zu messen. Eine Investition, die sich in vielerlei Hinsicht bezahlt machen wird.

Anmerkung: Bei Blutdruckwerten ab 160/110mmHg spricht man von einem schweren Blut-hochdruck. Der Begriff Gestationshypertonie wird auch schwangerschaftsinduzierte Hypertonie (SIH) oder vorübergehender Bluthochdruck (transiente Hypertonie) genannt. In diesen Fällen ist eine Einweisung in ein spezialisiertes Perinatalzentrum erforderlich.

Präeklampsie

Von einer Präeklampsie spricht man, wenn zum Bluthockruck ein weiteres Symptom, nämlich das Auftreten von Eiweiß im Urin hinzukommt. Eine Präeklampsie gefährdet Mutter und Kind erheblich und die Erkrankung mit all ihren Auswirkungen ist eine der häufigsten Ursachen für Frühgeburten, sowie der Kinder- und Müttersterblichkeit.

In Ländern, in denen es keine entsprechende ärztliche Versorgung gibt, ist diese Erkrankung eine der häufigsten Todesursachen von Frauen im gebärfähigen Alter. In Deutschland ist dies glücklicherweise nicht der Fall. Außerdem verlaufen nicht alle Präeklampsien schwer, sondern es gibt auch milde Verlaufsformen.

In der Regel müssen Frauen mit der Diagnose Präeklampsie im Krankenhaus stationär behandelt und überwacht werden.

Trotz intensiver Forschung ist der Auslöser der Präeklampsie bisher nicht bekannt. Neben einer erblichen Komponente (genetische Veranlagung, Disposition) scheint eine Störung des mütterlichen Immunsystems vorzuliegen. Allerdings sind Risikofaktoren bekannt, die das Auftreten einer Präeklampsie begünstigen Diese sind beispielsweise:

  • Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
  • Erstgebärende
  • Ältere Schwangere (>40 Jahre)
  • Zwillingsschwangerschaft
  • Präeklampsie bei Angehörigen ersten Grades
  • Chronischer Bluthochdruck
  • Antiphospholipidsyndrom
  • Autoimmunerkrankungen mit Gefäßbeteiligung
  • Chronische Nierenkrankheit
  • Entwicklung einer Präeklampsie vor der 32. Schwangerschaftswoche in

    einer vorher-gehenden Schwangerschaft

Die wesentliche Ursache der Präeklampsie ist eine gestörte Anpassung des mütterlichen Organismus an die Schwangerschaft. Hier werden genetische, immunologische (das Immunsystem betreffende) und thrombophile (die Blutgerinnung betreffende) Faktoren disku-tiert. Die Anpassungsstörung beginnt im Mutterkuchen (Plazenta) und betrifft im weiteren Verlauf schließlich den ganzen Körper. Die Präeklampsie klingt erst ab, wenn der Mutterku-chen aus der Gebärmutter entfernt wurde.

Im Rahmen eines komplexen Prozesses kommt es im ganzen Körper zu Schäden an den Innenwänden der Blutgefäße. Die Blutplättchen (Thrombozyten) neigen vermehrt dazu zu verkleben (Thrombosen), was in den Gefäßen einzelner Organe großen Schaden anrichten kann. Da zu viele gefäßverengende Botenstoffe gebildet werden, verengen sich die Blutgefäße im Körper über die Maßen. Die Folgen sind erhebliche Durchblutungsstörungen in allen Organen des Körpers, die Zellen erhalten zuwenig Sauerstoff und der Blutdruck steigt.

Diese Veränderungen erklären die vielfältigen Symptome der Präeklampsie (Schwindel, Übelkeit, Oberbauchschmerz, Grippegefühl, etc.). Auch die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) wer-den geschädigt und die Anzahl der Blutplättchen (Thrombozyten) sinkt, eventuell mit dem Übergang zu einer »disseminierten intravasalen Blutgerinnungsstörung (DIG). Auch die Wände der Blutgefäße in den Nieren werden geschädigt. Deshalb können Eiweiße , die normalerweise über die Niere nicht verloren gehen dürfen, durch die Gefäße in den Urin gelangen.

Dieses wird zur Diagnose der Präeklampsie (Bluthochdruck + Eiweiß-ausscheidung) genutzt. Da jedoch nicht nur die Gefäße der Nieren sondern letztlich alle Ge-fäße des Körpers geschädigt und durchlässiger werden, tritt Wasser aus den Gefäßen aus und sammelt sich im Gewebe, Es bilden sich so genannte Ödeme. Nicht jede Schwangere mit Ödemen hat jedoch eine Präeklampsie. Insbesondere Ödeme an den Beinen sind zwar störend, aber in den meisten Fällen dadurch bedingt, dass das Blut auf Grund der vergrößer-ten Gebärmutter erschwert zurückfließt und sich deshalb Wasser in den Beinen sammelt.

Finden sich die Ödeme vor allem im Gesicht und an den Armen, so ist dies ein Alarmzei-chen. Neben den anderen Organen wird auch der Mutterkuchen oft nicht mehr gut durchblutet. Das Kind leidet unter den Folgen einer Mangelversorgung. Es können sogar einzelne Teile des Mutterkuchens absterben, was das ungeborene Kind in erhebliche Gefahr bringt.

HELLP-Syndrom

Eine besonders schwere Erkrankung, die gehäuft bei Präeklampsie auftritt, ist das HELLP-Syndrom, bei dem vor allem die Funktionen der Leber und Nieren betroffen sind. »HELLP« leitet sich von den englischen Bezeichnungen der Hauptsymptome ab:

  • Haemolysis = Zerfall der roten Blutkörperchen (Erythrozyten)
  • Elevated Liver Enzymes = erhöhte Leberwerte
  • Low Platelet Count = verminderte Anzahl der Blutplättchen (Thrombozyten)

Das HELLP-Syndrom ist für Mutter und Kind lebensgefährlich und es bedarf großer Erfahrung, diese Erkrankung richtig einzuschätzen. Die Sterberate der Mütter liegt nach neueren Studien in den großen geburtshilflichen Zentren bei 0-1% Die Sterberate der Kinder liegt unter 15%.

Ein Leitsymptom des HELLP-Syndroms ist der Oberbauchschmerz, der bis in den Rücken ausstrahlen kann. Weitere Symptome sind Übelkeit, Erbrechen und massive Blut-druckerhöhungen. Jedoch kann ein HELLP-Syndrom auch ohne eine Blutdruckerhöhung und ohne Übelkeit und Erbrechen auftreten. Einziges Symptom ist in diesen Fällen der Ober-bauchschmerz.

Die einzige Therapie ist die Entbindung, meist durch einen Kaiserschnitt. Danach wird die Mutter intensiv überwacht. Die Symptome des HELLP-Syndroms klingen in der Regel nach der Geburt des Kindes, genauer nach der Entfernung des Mutterkuchens aus der Gebärmutter, nach wenigen Tagen ab. Vor allem wenn das Kind noch erheblich unreif ist, kann in einem Zentrum wie der Universitäts-Frauenklinik Tübingen unter günstigen Voraussetzungen trotz der Diagnose eines HELLP-Syndroms mit der Entbindung unter strenger stationärer Beobachtung eine begrenzte Zeit zugewartet werden. Es gilt hierbei, die aktuellen Risiken von Mutter und Kind sorgfältig abzuwägen.

Hatte eine Frau schon einmal ein HELLP-Syndrom in einer vorhergehenden Schwanger-schaft und war der Blutdruck danach wieder normal, beträgt das Risiko für ein erneutes HELLP-Syndrom in einer folgenden Schwangerschaft nach neuesten Studien bei 12%. Bei Frauen mit schwangerschaftsunabhängigem chronischem Bluthochdruck können 5% ein HELLP-Syndrom entwickeln, also 5 von 100 schwangeren Frauen mit Hypertonie.

Symptome wie heftige Schmerzen im Oberbauch, Schwellungen in den Armen, Beinen und im Gesicht, erhöhter Blutdruck, eine erhöhte Ausscheidung von Eiweiß im Urin, Übelkeit, Sehstörungen, Gelbfärbung der Haut weisen zwar auf ein HELLP-Syndrom hin, sind aber nicht spezifisch dafür. Eine Reihe von anderen Ursachen/Diagnosen sind möglich und müssen ausgeschlossen werden. Oft sind bei einem HELLP-Syndrom nur einige Symptome vor-handen, manchmal fehlen sie ganz. Es ist manchmal nicht einmal eine Blutdruckerhöhung nachweisbar. Es gibt glücklicherweise auch milde Verlaufsformen, aber auch Verläufe mit zum Teil erheblichen Komplikationen wie Blutgerinnungsstörung, Multiorganschäden, vorzeitiges Ablösen des Mutterkuchens, eingeschränkte Nierenfunktion, Hirnblutung und Lungen-ödem.

Häufigkeit der Komplikationen eines HELLP-Syndroms

Bluterguss in der Leber

1,5-1,8%

Generalisierte Blutgerinnungsstörung

bis zu 32%

vorzeitige Lösung des Mutterkuchens

bis zu 20%

Insuffizienz der Nierenfunktion

bis zu 8%

Hirnblutungen

bis zu 5%

Wassereinlagerung in der Lunge (Ödem)

bis zu 4,5%

Jeder Verdacht eines HELLP-Syndroms muss gewissenhaft abgeklärt werden. Sollte bei Ihnen der Verdacht bestehen, suchen Sie bitte sofort Ihre Frauenärztin/Ihren Frauenarzt auf, damit so schnell wie möglich eine Diagnose gestellt werden kann. Je weniger Zeit vergeht, umso geringer ist das Risiko für Komplikationen..

Eklampsie

Eine weitere Verschlimmerung der schweren Präeklampsie, die vorwiegend das Nervensys-tem betrifft, ist die Eklampsie: Vor, während und bis zu sieben Tage nach der Geburt können im Rahmen dieser Erkrankung bei der Mutter Krampfanfälle auftreten.

Fast 60% der Fälle von Eklampsie entwickeln sich bei Patientinnen, die an einer Prä-eklampsie leiden. In bis zu 40% der Fälle treten jedoch vor der Eklampsie keine Symptome wie Bluthochdruck, Eiweißausscheidung im Urin oder unspezifische Symptome auf.

Unbehandelt ist die Eklampsie, wie das HELLP-Syndrom, lebensgefährlich für Mutter und Kind. Die Sterberate der Mütter beträgt 1,5-2%. Es können Komplikationen auftreten, wie Blutgerinnungsstörungen, Lungenödem, aber auch neurologische Störungen, Herzstillstand und akutes Nierenversagen. Die Sterberate der Kinder beträgt 7-12%. Die Kinder überleben häufig nicht, , weil sie extrem zu früh geboren wurden , oder weil sich der Mutterkuchen vor-zeitig gelöst hat.

Häufigkeit der Komplikationen einer Eklampsie

Vorzeitige Lösung des Mutterkuchens

11%

Zusätzliche Entwicklung eines HELLP-Syndroms

11%

Generalisierte Blutgerinnungsstörung (DIC)

6%

Wassereinlagerung in der Lunge (Lungenödem)

5%

Lungenentzündung durch das Einatmen von Erbrochenem

3%

Herzstillstand

4%

Akutes Nierenversagen

4%

Neurologische Störungen

3%

Sofortiger Tod

0,5%

Pfropfpräeklampsie

Entwickelt eine Patientin mit einer schwangerschaftsunabhängigen Bluthochdruckerkrankung eine Präeklampsie, so nennt man dies eine Pfropfpräeklampsie.


Symptome einer Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft


Zu Beginn der Schwangerschaft merken die Frauen häufig nicht, dass sich ihr Blutdruck er-höht. Manchmal bilden sich Wassereinlagerungen im gesamten Gewebe (Ödeme) und das Körpergewichts nimmt sprunghaft zu (>500g/Woche). Bei fortgeschrittenen Bluthochdru-ckerkrankungen in der Schwangerschaft können Symptome wie starke Kopfschmerzen, Sehstörungen (vor allem Augenflimmern), Ohrensausen, Benommenheit, Bewusstseinsstö-rungen, Oberbauchschmerzen, allgemeine Unruhe und Unwohlsein (Grippegefühl), Atemnot oder gesteigerte Reflexe auftreten. Sogar ein generalisierter Krampfanfall bis hin zum Koma ist möglich. Das tückische ist jedoch, das keines der Symptome spezifisch für eine Blut-hochdruckerkrankung in der Schwangerschaft ist, sondern auch Symptome anderer Erkran-kungen sein können. Glücklicherweise treten bei den betroffenen Frauen nicht immer alle Symptome auf und die Symptome können von ganz mild bis besonders stark ausgeprägt sein.

Anzeichen einer Präeklampsie

  • Erhöhter Blutdruck (Werte ≥ 140/90mmHg)
  • Wassereinlagerungen im Bindegewebe (Oedeme)
  • Ungewöhnlich viel Eiweiß im Urin
  • Plötzliche starke oder schwankende Gewichtszunahme

Auch wenn massive Beschwerden der Mutter in der Regel kurzfristig auftreten, kann sich eine Mangelversorgung des Kind durch eine Störung am Mutterkuchen (Plazentainsuffizienz) über längere Zeit schleichend entwickeln. Der Bauch der Mutter nimmt nicht erwartungsge-mäß zu. Regelmäßige Ultraschalluntersuchungen zeigen dann beispielsweise ein verminder-tes Wachstum des Kindes im Mutterleib oder in fortgeschrittenem Stadium sogar einen Wachstums-Stopp. Hält dieser längere Zeit an oder verändert sich zusätzlich die kindliche Herzfrequenz, muss das Kind häufig vorzeitig, das heißt als Frühgeburt, entbunden werden. Mit Hilfe des Dopplerultraschalls ist man heute aber in der Lage, solche Mangelversorgun-gen zu einem sehr frühen Zeitpunkt festzustellen. Damit ist es möglich, korrigierend und therapeutisch einzugreifen. Löst sich der Mutterkuchen aber vorzeitig ab oder sterben größe-re Bezirke des Mutterkuchens wegen einer Thrombose ab, können auch schicksalhafte Er-eignisse wie ein plötzlicher Kindstod im Mutterleib vorkommen. Wenn ein solches Ereignis wie eine vorzeitige Lösung des Mutterkuchens im Krankenhaus auftritt, besteht jedoch die Chance, das Leben von Mutter und Kind zu retten.


Wie wird eine Bluthochdruckerkrankung erkannt?


Mit der regelmäßigen Schwangerenvorsorgeuntersuchung ist zu erkennen, ob eine Bluthochdruckerkrankung auftritt. Ihre behandelnde Frauenärztin/Ihr Frauenarzt oder die betreuende Hebamme wird bei jedem Besuch in der Praxis ein so genanntes Basisscreening durchführen. Die Ergebnisse werden im Mutterpass notiert. Zur Vorsorge gehört auch die Blutdruckmessung., am besten gemessen nach mehreren Minuten Ruhe im Sitzen am Oberarm. Man sollte zweimal messen und den niedrigeren Wert aufschreiben.



Gravidogramm des Mutterpasses, in dem unter anderem die Entwicklung des Körpergewichts, der aktuelle Blutdruck, das Auftreten von Ödemen und Eiweiß im Urin dokumentiert werden.




Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft eine Bluthochdruckerkrankung haben, Diabeti-kerinnen, nierenkranke Frauen oder Frauen, die Mehrlinge erwarten, müssen besonders konsequent überwacht werden. Falls erforderlich, wird das Basisscreening durch weitere Untersuchungen wie beispielsweise Ultraschall oder Kardiotokogramm (CTG, Aufzeichnung von fetalem Herzschlag und Wehentätigkeit) ergänzt.






Im Mutterpass wird unter anderem das mittels Ultraschall bestimmte Wachstum des Kindes dokumentiert. Anhand der Normkurven für den
fetalen Wachstumsverlauf (Per-centilenkurven) lässt sich eine Wachstumsverzögerung Ihres Kindes feststellen.


Gegebenenfalls wird Sie Ihre Frauenärztin/Ihr Frauenarzt in einer speziellen Sprechstunde wie der Risikoschwangerensprechstunde der Universitäts-Frauenklinik Tübingen vorstellen. Hier können spezialisierte Ärzte die Erkrankung zusätzlich beurteilen.

Dies kann zum Beispiel erforderlich sein, wenn thrombophile oder immunologische Faktoren der Mutter oder die aktuelle Versorgung des Kindes im Mutterleib beurteilt werden müssen. Oft ergibt sich ein intensiver Austausch zwischen Ihnen, Ihrer Frauenärztin/Ihrem Frauenarzt und den Ärzten im Mutter-Kind-Zentrum. Sollten Sie in einer ersten Schwangerschaft eine schwere Pä-eklampsie oder ein HELLP-Syndrom erlitten haben, so ist in vielen Fällen eine Vorstellung vor der Planung einer erneuten Schwangerschaft sinnvoll.

Allerdings sollten Sie sich nicht allein auf das Screening verlassen. In der Schwangerschaft dürfen Sie ruhig etwas übervorsichtig sein und bei Beschwerden jeglicher Art zum Arzt gehen. Weisen die Beschwerden auf die Symptome einer Bluthochdruckerkrankung hin, ist die Diagnose mit bestimmten Untersuchungen einfach. Auch wenn der Weg in die Praxis manchmal unbequem sein kann: Nur dort gibt es neben dem Blutdruckmessgerät auch die notwendigen Geräte wie Ultraschall und ist eine Laboruntersuchung möglich.


Therapie des Bluthochdrucks und Ernährung in der Schwangerschaft


Es ist bis heute nicht möglich, einer Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft sicher zu verhindern. Jedoch können bei gefährdeten und betroffenen Frauen häufig Komplikationen verhindert werden. Dazu müssen aber Blutdruck, Blutwerte, Symptome und Gewicht der Schwangeren sorgfältig überwacht werden. Dafür können Langzeit-Blutdruckmessung und spezielle Ultraschalluntersuchungen, die den Blutfluss in der Gebärmutter messen, so-wie spezielle Blutuntersuchungen nötig sein.

Die Behandlung der Bluthochdruckerkrankung einer Patientin in der Schwangerschaft muss dabei individuell und fachübergreifend, erfolgen. Im Anfangsstadium einer Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft reichen Ruhe und Entlastung der Schwangeren oft aus, um den Verlauf günstig zu beeinflussen. Später können blutdrucksenkende Medikamente notwendig werden. Die Behandlung muss jedoch über die Therapie der Symptome hinausgehen. Eine engmaschige Überwachung von Mutter und Kind anhand der Risikofaktoren sind unbedingt erforderlich. Dazu gehört auch eine fachkundige Ernährungsberatung zum Beginn der Schwangerschaft.

Gesunde Schwangere sollten sich grundsätzlich ausgewogen mit einer eiweißreichen, kalo-rienreichen und keineswegs salzarmen Kost ernähren. Gerne kann ergänzend ein spezielles Vitamin-Komplex-Präparat eingenommen werden. Diäten zur Gewichtsreduktion oder gar Reistage haben in der Schwangerschaft nichts verloren. Sie sind vielmehr ausgesprochen gefährlich für das Kind. Die vielfach propagierte salzarme und flüssigkeitsreduzierte Kost bei Blutdruckproblemen kann den Verlauf einer Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft eher ungünstig negativ beeinflussen, das gilt auch für entwässernde Tees oder andere Entwässerungstherapien. Frauen mit Grunderkrankungen z.B. des Herzens oder der Niere müssen speziell beraten werden.

Frauen mit Bluthochdruck in der Schwangerschaft werden in erster Linie von Ihrer Frauen-ärztin/Ihrem Frauenarzt in der Praxis betreut. Gegebenenfalls ist eine Mitbetreuung durch eine spezialisierte Schwangerenambulanz wie beispielsweise die Risikoschwangerensprechstunde der Universitäts-Frauenklinik Tübingen erforderlich. Manchmal ist auch eine stationäre Behandlung in einem Zentrum mit angeschlossener Kinderklinik wie in unserem Mutter-Kind-Zentrum unabdingbar. Bei schweren Verläufen ist nahezu immer eine zeitnahe Entbindung notwendig.


Bluthochdruck und Wissenschaft


An der Universitäts-Frauenklinik Tübingen ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft einwesentlicher Schwerpunkt.. Eine Arbeitsgruppe um Privatdozent Dr. B. Schauf bemüht sich um ein besseres Verständnis der weitgehend unbekannten Vorgänge auf Ebene der Zellen. Dies soll uns neue Therapie- oder besser noch Präventionsstrategien bei der Behandlung Betroffener ermöglichen.

Orginalarbeiten:

  • R. Bayer, B. Schauf, B. Günther: Erythrocyte shape analysis by means of laser diffraction. SPIE Proceeding 1641, pp.246-255 (1992)
  • B. Schauf: Erythrozytenflexibilität in der Schwangerschaft. Der Frauenarzt Bd. 5, pp. 769-775 (1997)
  • B. Schauf, B. Aydeniz, R. Pijnenborg, D. Wallwiener: Zusammenhang zwischen E-rythrozytenverformbarkeit und intraerythrozytärem ATP in der Schwangerschaft, Ge-burtsh. u. Frauenheilk. 62, Bd. 5, pp. 477-480 (2002)
  • B. Schauf, U. Lang, P. Stute, St. Schneider, K. Dietz, B. Aydeniz, D. Wallwiener: Re-duced red-blood-cell deformability, an indicator for high fetal or maternal risk, is found in Preeclampsia and IUGR, Hypertension in pregnancy, 21 (2), pp.147-160 (2002)
  • B. Schauf, S. Schneider, U. Lang, B. Aydeniz, D. Wallwiener: Verformbarkeit der E-rythrozyten Neugeborener von Müttern mit reduzierter Erythrozytenverformbarkeit bei Präeklampsie, Geburtsh. u. Frauenheilk. 62, Bd. 8, pp. 657-660 (2002)
  • B. Schauf, B. Aydeniz, R. Bayer, D. Wallwiener: The Laserdiffractoscope – a new and fast system to analyze red blood cell flexibility with high accuracy. Lasers Med Sci 18, pp. 45-50 (2003)
  • B. Schauf, B. Mannschreck, S. Becker, K. Dietz, D. Wallwiener, B. Aydeniz: Evalua-tion of red blood cell deformability and uterine blood flow in pregnant women with pre-eclampsia or IUGR and reduced uterine blood flow following the intravenous application of magnesium, Hypertension in pregnancy, Vol 23, pp. 331-345 (2004)
  • B. Schauf , S. Becker , H. Abele, T. Klever, D. Wallwiener, B. Aydeniz: Effect of magnesium on red blood cell deformability in pregnancy, Hypertension in pregnancy Vol. 24, pp. 17-27 (2005)

Selbsthilfegruppe Gestose Frauen


Die Arbeitsgemeinschaft Gestose-Frauen e.V. wurde im November 1984 von betroffenen Frauen gegründet und hat derzeit knapp 500 Mitglieder. Darunter befinden sich auch Hebammen, Ärzte und Organisationen, die sich mit Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit befassen. Vierteljährlich finden in der Frauenklinik Tübingen treffen der Gestose-Frauen gemeinsam mit Ärzten der Risikoschwangerenambulanz statt.

Regionalgruppen:

Heidelberg: Angelika Schmidt-Lang, Urnenstr. 16, 67071 Ludwigshafen

Reutlingen: Gertraud Rauch, Schlegelstr. 17, 72762 Reutlingen

Sindelfingen: Ute Zierlinger, Max-Reger-Str. 18, 71065 Sindelfingen

Sinsheim: Juschka Tsantilis, Winterstr. 16, 74889 Sinsheim

Arbeitsgemeinschaft Gestose-Frauen e.V.

Kapellener Str. 67a, 47661 Issum

Bankverbindung: Bank für Sozialwirtschaft, Essen

Kto.-Nr. 7206 000, BLZ 370 205 00

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Fax: +49 (0)2835 - 2945


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